Als Wirtschaftswissenschaftler ist es mir immer wieder sauer aufgestossen, wenn vor einiger Zeit immer wieder die ÖBB thematisiert wurde ohne wirkliche Lösungsvorschläge zu präsentieren.

Die einzigen Vorschläge damals gingen darauf hin, möglichst viel Personal abzubauen und die Preise zu erhöhen – also genau die Strategie, die schon beim Konsum so gut funktioniert hat. Ob sich die Politiker nun Rechts oder Links nannten, darüber hinaus wurde nichts versucht oder auch nur angesprochen.

Die Auswirkungen dieser Politik wurden hingegen ausreichend diskutiert. Hohe Kosten im Bundesbudget. Viele zusätzliche Frühpensionisten und Arbeitslose bei gleichzeitig schlechter werdendem Schienennetz und Preise, zu den man sich als 3-4 köpfige Familie schon mal ein Mietauto leisten kann statt im Zug zu fahren.

Ich versuche hier mal eine andere Möglichkeit herauszuarbeiten, um diesem Problem, und möglicherweise noch weiteren, Herr zu werden und würde mich über Kritik und Diskussion oder idealerweise Weiterverbreitung der Idee sehr freuen.

Als wissenschaftliche Basis für meine Vergleiche verwende ich das anerkannte Konzept der Dairy Girl Calculation (DGC), als numerische Basis jeweils die publizierten Zahlen der OEBB Bilanz 2004.

Was sind die Wurzeln und Aufgaben der ÖBB?
Die Eisenbahnsysteme wurden in den meisten Ländern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgebaut. In manchen Ländern (USA) erfolgte dies von Anfang an durch Private Geldgeber was zur Entwicklung der AG viel beigetragen hat. Hier in Europa wurden diese Netze zumeist durch die öffentliche Hand im Namen der jeweiligen Feudalherren finanziert. Beim Übergang in modernere politische Systeme gingen diese dann in Staatsbesitz über. So gesehen gehört ein Stück der ÖBB jedem von uns. Der Wert der ÖBB ist rund 17,5 Mrd Euro, das ist also ein Anteil von über 2000 Euro der jedem von uns gehört und den man nicht wegwerfen will. Andererseits zahlen wir rund 3 Milliarden / Jahr ein, um das System am Laufen zu halten und die meisten von uns verwenden sie gar nicht, weil sie unbequem und teuer sind.

Weiters ist die Bahn das definitiv umweltschonendste und sicherste Fernverkehrsmittel wenn die Trassen schon mal daliegen und die Zugführer nicht betrunken sind. Der Energieeinsatz ist im Gegensatz zum Auto und Flugzeug vernachlässigbar und zusätzlich durch im Inland herstellbaren Ökostrom machbar.

Der gegangene Weg
In der Bahn wird rationalisiert was geht. Strecken werden eingespart, die Preise werden hochgesetzt, Personal wird in den Vorruhestand geschickt. Die ersten 2 Punkte machen also das Bahnfahren weniger attraktiv während der 3. Punkt die Volkswirtschaftlichen Kosten erhöht. Tolle Lösung, weil wenn daraufhin weniger Leute mit der Bahn fahren, können wir das gleiche Rezept im nächsten Jahr wieder anwenden.

Ein neuer Weg
Österreich ist ein Land des Tourismus, aber auch der Pendler. Lasst uns mal überlegen was passiert, wenn die 2. Klasse des Personentransportes durch die ÖBB GRATIS wäre. Ganz Gratis ist er ja trotzdem nicht, weil wir ja ohnehin bereits 400 Euro im Jahr einzahlen (oder jeder Steuerzahler das Doppelte – wie man es auch sehen will). Neben den bestehenden Zuzahlungen aus dem Steuertopf von 3000 Mio Euro sind die Erträge des Personenverkehrs von 560 Mio ja nicht so wichtig.
Schritt 1 -> die bestehenden Züge sind voll.
Ich danke davon kann man ausgehen, daß die Züge dann ganz klar das attraktivste Verkehrsmittel würden. Ich glaube nicht, daß wir indische Verhältnisse bekämen, weil die Leute ja trotzdem mit dem Auto fahren können, wenn es zu unangenehm würde. Daher würde sich zwischen Zügen und Autostraßen eine Balance einpendeln, die der Identität des Autos als Luxusgut weit mehr entspräche als die Situation heute.
+Urlaub in Österreich würde weit attraktiver
+die Strassen entlastet
+die Umwelt geschont
-die Züge überfüllt was uns zu Punkt 2 bringt

Schritt 2 -> mehr Züge einsetzen
Österreich hat mit SGP eine hervorragende Eisenbahnschmiede. Es würde großen Bedarf an mehr und moderneren Zügen geben. Nebenstrecken würden wieder „rentabel“ – sprich benutzt. Alles ÖBB Personal das im Moment mit der Einhebung von Tarifen zu tun hat müsste zum Betrieb umgeschult werden und trotzdem hätte man massiven Personalmangel. Nun würde hier ja wohl definitiv Gemeinnutzen geschaffen, wenn Leute anstatt aus den Arbeitslosentöpfen nun von den ÖBB Töpfen bezahlt würden. Weiters würde die gesamte Administration und auch die Summen der Pendlerpauschalen (230 Mio) und Schülerfreifahrten für die Finanzierung der boomenden ÖBB freiwerden.
+Aufträge für österreichische Industrie
+Entlastung des Arbeitsmarktes
+Zugewinn an Mobilität
-Höhere Steuerlasten

Schritt 3 -> Langfristig denken
Ein Boom der ÖBB macht Zwangsweise den Individualverkehr weniger attraktiv. Die Leute würden weniger (im Ausland gebaute) Autos kaufen. Weniger (im Ausland gefundenes) Benzin verfahren und müssten weniger besoffen Autofahren.
Daher würde unsere Handelsbilanz sich massiv Verbessern und sich die Abhängigkeit von fossilen Treibstoffen massiv reduzieren. Benzin und Autos könnten klar als Luxusgüter definiert und massiv verteuert werden.

Dafür wäre der tägliche Verkehrsstau auch eine Sache der Geschichte und das Autofahren hätte wieder was von Genuss und Freude. Die Arbeitslosen im Fahrzeughandel würden dann durch den zusätzlichen Konsum in anderen Sparten wieder unterkommen. Die Leute würden ja trotzdem ihr Geld ausgeben, das sie dann nicht mehr in Mobilität investieren und fast jede Sparte hat einen höheren Anteil an österreichischer Produktion als die Automobilindustrie.
+Ökobilanz
+Import/Exportbilanz
+Mobilität für Alle
-weniger Mineralölsteuern?

Eine wirklich interessante offene Frage ist folgende: Wieviel kostet und wieviel bringt das langfristig? Meiner Einschätzung nach würde das sicherlich mehr kosten als was wir bisher Zahlen (400 Euro) aber nicht unbeschränkt viel, weil wir dann trotzdem nicht den ganzen Tag Bahn fahren würden nur weils gratis ist. Manche von uns würden trotzdem in ihren Jobs, Vorlesungen oder vor ihren Playstations sitzen.

Langfristig würde es weniger Arbeitslose und Pensionisten geben und die Wertschöpfung im Land würde steigen. Die zusätzliche Mobilität würde den Tourismus ankurbeln und Zersiedelung fördern. Insgesamt sehe ich die zusätzlichen Kosten als gut ausgegebenes Geld, weil diese Massnahme die Lebensqualität (=Wohlstand) in Österreich deutlich heben würde. Mir ist klar, daß es sich hier um stark vereinfachtes Aufrechnen von Beträgen handelt, weshalb ich ja am Anfang schon auf die zugrundeliegende DGC verwiesen habe.

Liberal?
Unmittelbar wirken diese Ideen sozialistisch bis kommunistisch – dessen bin ich mir wohl bewusst. Allerdings würden staatliche Strukturen schlanker durch die Einsparung an Verwaltung von Pendlerpauschalen, Steuerausgleichen und ähnlichem. Damit gäbe es mehr Leute, die etwas Sinnvolles machen können (wie Fussball spielen).

Jedenfalls würde diese Maßnahme allerdings den starken wirtschaftlichen Druck von der Bevölkerung nehmen, sich ein Auto leisten zu müssen weil sie sonst nicht zur Arbeit kämen. Daher käme es zu einem freien Spiel der Kräfte bei der Entscheidung zwischen Auto und Bahn – und es wäre ein echter Schritt in die Richtung der urliberalen Forderung nach einem Volkseinkommen.

Ich finde selbst jedenfalls kein Loch in meiner Argumentation und vielleicht liest diesen Artikel ja wirklich einmal jemand an einer entscheidenden Stelle, der dann eine Studie zur wirklichen Abschätzung der angesprochenen Kosten in Auftrag geben könnte. Das diese Option nicht einmal diskutiert wird, finde ich jedenfalls extrem schade.